Verfügbarkeit wird zur zentralen Herausforderung
Unternehmen, die nicht möchten, dass ihr Lagerbestand zu einem teuren Produktfriedhof veralteter Bestände wird, die ihren Kunden kurze Lieferzeiten garantieren wollen und sich gegen die immer stärker werdende Konkurrenz mit günstigeren Preisen behaupten wollen, haben nur eine Möglichkeit: Bestände reduzieren, Kosten reduzieren und schneller werden. Und das alles, ohne die Qualität zu senken.
Die Lagerverwaltung und das Transportwesen machen in vielen Unternehmen immer noch bis zu zwei Dritteln der logistischen Gesamtkosten aus. Experten vertreten die Ansicht, dass mehr als 20 Prozent der geplanten Distributionszentren und Lager die angestrebte Leistung nicht erreichen. Das haben auch bereits die Unternehmer begriffen: Laut dem internationalen Marktforscher Gartner Group hat sich mittlerweile die Erkenntnis durchgesetzt, dass durch effiziente Lagerprozesse ein Mehrwert für das gesamte Produktspektrum und für die damit verbundenen Dienstleistungen generiert wird.
Aus diesem Grund geben immer mehr Betriebe ihre logistischen Aufgaben an externe Dienstleister ab. Doch damit diese Spezialisten die Abläufe nachhaltig verbessern können, müssen diese über die Unternehmensgrenzen hinweg betrachtet werden. Mit historisch gewachsenen Lösungen lassen sich oftmals nicht alle logistischen Prozesse – inklusive der Lager- und Transportabwicklung – umfassend abbilden und zu einer durchgängigen Funktionskette verbinden. Somit taucht früher oder später die Frage nach einer voll integrierten Logistiksoftware auf, die alle traditionell getrennten Prozesse zusammenführt und integriert.
Die Antwort: Digitales Supply Chain Management
Die Lösung für all diese Herausforderungen steckt im Digitalen Supply Chain-Management. Logistik-Guru Martin Christopher, Professor am Institut für Marketing und Logistik an der Cranfield School of Management, formuliert die Zukunft der Logistik wie folgt: „Nicht die Unternehmungen werden mehr miteinander im Wettbewerb stehen, sondern Supply Chains“, also die Ketten von Geschäftsprozessen, welche ein Produkt bis zu seiner Fertigstellung in unterschiedlichen Phasen durchläuft. Und noch einen anderen Punkt hält Christopher fest: „Früher hörte man auf die Frage, was eine Firma vom Wettbewerb unterscheidet, nur eine Antwort: ‚Unsere Marke natürlich’. Doch der Markt hat sich radikal geändert: Die Markentreue der Konsumenten ist ein rares Phänomen geworden, Kunden wollen außer Qualität nun vor allem eins: Verfügbarkeit.“
Die Unternehmensführung muss sich künftig darauf einstellen, auch die Abläufe und Probleme der oft vielstufigen Zuliefererseite in ihre Überlegungen mit einzubeziehen, will sie zusätzliches Kostensenkungspotenzial aufdecken. Insofern ist an der Idee des Supply Chain Managements (SCM) eigentlich nichts Neues: Wer so dachte und handelte, hat sich sicherlich auch in der Vergangenheit so manchen Ärger und böse Überraschungen gespart – vor allem bei Lieferengpässen oder Qualitätsproblemen mit Zulieferern.
Sämtliche Informationen sind sofort online
Was aber neu ist, ist die Geschwindigkeit der Prozesse: Zu viele Medienbrüche (Telefon, Fax, Formulare etc.) verursachten im traditionellen Logistik-Wesen einen erheblichen Zeitaufwand und waren für Fehler oder Missverständnisse anfällig. Doch nun können sämtliche Informationen sofort online verfügbar gemacht werden. Die klassische Lieferantenbeziehung, bei der an der Schnittstelle der beiden Unternehmen vorwiegend der Verkäufer mit dem Einkäufer zu tun hatte, muss in dieser Hinsicht beschleunigt werden: Sobald neue relevante Informationen bereit stehen, müssen diese weitergegeben werden.
Die Informationen, die zwischen den verschiedenen Partnern ausgetauscht werden, zum Beispiel Produktionsprogramme, Kapazitäten oder Lagerbestände der Zulieferer müssen natürlich richtig und vollständig sein, damit das Kettensystem einwandfrei funktioniert. Und hier haben viele – Lieferer wie Abnehmer – noch erhebliche Bauchschmerzen. SCM erfordert also ein hohes Maß an Offenheit und gegenseitigem Vertrauen. Dies lässt sich nicht einfach verordnen oder forcieren, dies muss langsam wachsen – ein Grund für die sehr schleppende Umsetzung in der deutschsprachigen Industrielandschaft, wie eine Studie des Bundesverbandes für Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik im Jahre 2000 feststellte.
Kaum eine vernünftige Software unter 500.000 Euro
Ein weiterer Grund sind die aufwändigen Software-Systeme, welche für die einzelnen Branchen erst unternehmensspezifisch entwickelt werden müssen, um alle Teilprozesse verlässlich abzubilden. Die Kosten für solche Projekte sind für viele Mittelständler mit durchschnittlich 500.000 Euro oft noch zu teuer. Mit dieser Ausrede wenden sich viele von SCM ab, vergessen aber dabei, dass die andere Komponente – nämlich die Abstimmung mit der ganzen Zulieferkette - auch ohne EDV-Lösung angegangen werden kann und alleine schon ein hohes Einsparpotenzial birgt.
Next Steps für den Mittelstand
Wer sich noch nicht mit dem Themen digitale Lager- und Warenverwaltung sowie Supply Chain-Management auseinander gesetzt hat, sollte dies zügig tun (siehe Buchtipps oder Weblinks). Dabei geht es gar nicht immer darum, eine entsprechende Software anzuschaffen, in manchen Bereichen reicht es vielleicht schon, die neuen Modellen der Kooperation einmal gedanklich auf sein eigenes Unternehmen anzuwenden, und so neue Optimierungsvarianten zu entdecken.