Das 140-Zeichen-Wunder
Seit knapp drei Jahren spaltet der Kurznachrichtendienst Twitter die Internet-Welt: Skeptiker halten ihn für pure Zeitverschwendung, Vordenker für ein geniales Kommunikationsmittel – auch im Marketing.
Spätestens seit Twitter (www.twitter.com) als erstes Medium über die spektakuläre Flugzeugnotlandung auf dem New Yorker Hudson River informierte und alle etablierten Nachrichtenagenturen diese Meldung zitierten, ist klar: Der Microblogging-Dienst hat die Art und Weise, wie Menschen kommunizieren und Medien rezipieren, verändert. Und immer mehr Marketing-Verantwortliche in Unternehmen beginnen sich nervös zu fragen: Was ist dieses Twitter eigentlich und muss ich dort auch vertreten sein?
Die Frage nach dem „was“ ist schnell beantwortet: Twitter ist eine Kombination aus Instant Messaging, SMS und Blog. Mit nicht mehr als 140 Zeichen können Twitterer Freunde und Interessenten in Echtzeit über die eine entscheidende Frage informieren, die groß über der Twitter-Startseite prangt: „What are you doing?“ Manche Web-2.0-Experten glauben, dass Twitter das Nachfolgemedium zu Blogs wird. Denn die Kommunikation geht schneller und direkter als über die virtuellen Tagebücher.
Prima Kommunikationsmedium
„Twitter taugt vor allem zur Kommunikation. Und zwar mit Leuten, deren Tweets ich lese und die meine Tweets lesen – was nicht unbedingt deckungsgleich ist“, beschreibt Martin Recke, Pressesprecher der Hamburger Internet-Agentur SinnerSchrader, seine Erfahrungen mit dem Dienst. Und Sascha Lobo, der mit über 5.000 Followern im Twitter-Netzwerk zu den Vorzeige-Twitterern Deutschlands zählt, erklärt: „Twitter ist die lange überfällige Kollision aus Instant Messenger und Social Network.“ Sein Leben sieht Lobo durch Twitter definitiv als bereichert an: „Weil es der SMS-an-alle-Funktion entspricht, die ich so lange vermisste, ohne es zu wissen. Es ist, als würde ich eine Momentaufnahme aus dem tatsächlichen Leben des anderen mitbekommen.“
Die Gemeinde der Twitterer wächst schnell. Anfang 2009 schätzte Jeremiah Owyang, Web-2.0-Experte beim US-Marktforschungsdienst Forrester Research,die Anzahl der registrierten Twitter-Nutzer weltweit auf rund fünf Millionen. 3,5 Millionen davon sollen ihre Accounts auch wirklich aktiv nutzen. Eine aktuelle Zahl von Infobroker.de kommt inzwischen auf 52 Millionen registrierte Twitter-Mitglieder weltweit. Twitter selbst lehnt kategorisch jede Stellungnahme zu Größe und Reichweite seines Netzwerkes ab.
1,8 Millionen Nettonutzer in Deutschland
In Deutschland ist die Zielgruppe noch überschaubarer: Laut einer Nutzerstatistik des Marktforschungsunternehmens Nielsen hatte Twitter im Juni 2009 in Deutschland 1,8 Millionen Nettonutzer (Unique Audience). Damit habe sich die Nutzerzahl von Twitter in Deutschland laut dieser Nielsen-Studie von April 2009 bis Juni 2009 fast verdoppelt. Allerdings zeigt die „Loyalitätsanalyse“ von Nielsen, dass lediglich „35,7 Prozent der Nutzer des Vormonats im Juni erneut Twitter besucht haben.“ Die Studie fand weiterhin heraus, dass der Großteil der Twitter-Nutzer im Juni 2009 nur einmal (71,1 Prozent) und nur 14,8 Prozent der Nutzer mindestens drei Mal auf der Webseite waren. Und nur 6,5 Prozent der Twitter-Nutzer hätten im Juni 2009 mehr als 30 Minuten auf der Seite verbracht. Das Fazit von Nielsen zum Nutzerverhalten der Twitter-Nutzer aus dieser Studie lautet: „Auf der einen Seite steht das enorme Interesse und der Zuwachs der Nutzerzahlen. Auf der anderen Seite statteten die Nutzer Twitter nur wenige Besuche ab und viele Nutzer des Vormonats sind nicht wieder zurückgekehrt.“

Demographische Informationen über die Twitter-Nutzer: Laut einer Online-Twitterumfrage vom März 2009, in der immerhin 2779 brauchbare Datensätze ausgewertet wurden, war das Durchschnittsalter der deutschen Twitter-Nutzer 32 Jahre, 74 Prozent der Nutzer waren männlich und 78 Prozent hatten Abitur. Laut dieser Umfrage würden zudem zwei von drei Twitter-Nutzern selbst einen eigenen Blog betreiben und unter anderem über Technik, Web-2.0-Themen oder Privates schreiben. 50 Prozent der Nutzer würden aus der Medien- oder Marketingbranche stammen und jeder Vierte sei Führungskraft oder Unternehmer.
Die vermeintlich kleine Anzahl an Twitter-Nutzern sollte Marketer allerdings nicht automatisch zu dem Schluss bewegen, dass Twitter als Kommunikationskanal für sie keine Rolle spielt. „Bedenken Sie, dass Twitter-Nutzer zu einem hohen Anteil ‚High Communication Individuals’ sind und neben Twitter in der Regel aktiv eine Reihe weiterer Social Media Tools nutzen“, raten Social-Media-Expertin Nicole Simon und Netzwerk-Administrator Nikolaus Bernhardt in ihrem gemeinsamen Handbuch „Twitter – Mit 140 Zeichen zum Web 2.0“. Engagieren sich Unternehmen für diese Kunden, könnten sie immer wieder positive Berichte über ihren Einsatz, ihre Marke und ihr Produkt generieren. Und zwar „Berichte von hoher Objektivität und Glaubwürdigkeit, da sie von anderen Kunden und eben nicht aus der PR-Abteilung Ihres Hauses oder Ihrer Agentur stammen“, so die Autoren.

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